Es war ein strahlender Sommertag in Weimar, und das Hotel K1 summte vor geschäftigem Treiben. Aletta und Rico hatten beschlossen, im Innenhof eine neue Terrasse zu bauen – ein kleiner Traum, der ihren Gästen bald Frühstück im warmen Sonnenlicht ermöglichen sollte.

„Das wird fantastisch“,

sagte Aletta begeistert und stellte sich bereits glückliche Gäste mit dampfendem Kaffee vor.

„Solange alles nach Plan läuft …“

murmelte Rico skeptisch und betrachtete die Arbeiter, die gerade mit einem Presslufthammer das alte Pflaster aufbrachen.

Plötzlich stoppte das Gerät mit einem dumpfen Schlag. Ein Arbeiter hob den Kopf.

„Ich glaube, wir haben hier etwas gefunden!“

Aletta und Rico eilten herbei. In den Händen des Arbeiters lag eine verrostete Metallkiste, schlammverkrustet, schwer und alt – sehr alt. Mindestens zwei Jahrhunderte, schätzte Aletta.

„Was denkst du, ist das?“

fragte Rico und strich vorsichtig über die verbeulte Oberfläche.

„Vielleicht ein Schatz?“

vermurmelte Aletta mit funkelnden Augen.

„Oder ein Haufen alter Nägel.“

Mit einem kräftigen Ruck hob Rico den Deckel an. Drinnen lagen vergilbte Papiere, eine staubige Weinflasche, zerfallene Bücher – und ein abgenutzter, ehemals eleganter Hut.

Aletta zog ein brüchiges Dokument hervor und las vorsichtig:

„Diese Kapsel wurde im Jahre 1824 von Johann Friedrich Müller, dem damaligen Besitzer dieses Hauses, vergraben. Öffne sie im Jahre 2024 – und nicht früher.“

Rico lachte laut auf.

„Na gut, dann sind wir ja perfekt im Zeitplan.“

Aletta hielt die Weinflasche hoch, betrachtete das Etikett und verzog das Gesicht.

„200 Jahre alter Wein … ob der noch trinkbar ist?“

„Ich werde das ganz sicher nicht testen.“

sagte Rico und schüttelte sich dramatisch.

Unter dem Hut lag ein weiteres Dokument, fein verfasst in altmodischer Schrift. Aletta las laut vor:

„An den Finder dieser Kapsel. Wenn du dies liest, lebst du in einer fernen Zukunft. Vielleicht fliegen die Menschen durch die Luft oder reisen unter Wasser. Ich, Johann Friedrich Müller, vergrub diesen Schatz, um einem Menschen deiner Zeit ein Lächeln zu schenken. Und wenn du den Wein trinkst, dann trinke ihn zu Ehren unserer Zeit – und erinnere dich daran, dass auch wir gelacht, getanzt und das Leben genossen haben.“

Rico grinste breit.

„Also gut – Müller möchte, dass wir den Wein probieren. Wir haben keine Wahl.“

„Das klingt nach einer Herausforderung.“

kicherte Aletta, während Rico den bröseligen Korken vorsichtig herauszog.

Ein leises *Plopp*, dann ein Geruch, der eindeutig zu lange im Boden geschlummert hatte.

„Auf Müller und 200 Jahre Geschichte.“

sagte Rico und hob das Glas.

Sie prosteten sich zu, nahmen einen kleinen Schluck – und verzogen gleichzeitig das Gesicht.

„Urrgh!“

Aletta schüttelte sich. „Das schmeckt nach … alten Socken!“

„Wie kann etwas so alt und so schlecht sein?“

keuchte Rico.

Sie stellten die Flasche schnell beiseite und brachen in schallendes Gelächter aus.

Zwischen den Papieren fanden sie eine alte Münze, bröckelnde Briefe und ein Skizzenbuch: Zeichnungen des frühen Weimars, inklusive einer einfachen Skizze des Hauses, das später das Hotel K1 werden sollte.

Ein Bild zeigte Müller selbst – mit genau dem Hut, den Aletta nun auf dem Kopf trug.

„Siehst du das? Du trägst einen 200 Jahre alten Schatz.“

Aletta setzte den Hut schief und posierte süffisant.

„Vielleicht bin ich die Wiedergeburt von Johann Friedrich Müller.“

„Wenn ja, hattest du damals definitiv besseren Wein.“

Sie lachten wieder, während die Sonne über ihnen stand, warm und hell, als wollte sie den Moment versiegeln.

„Ich glaube, Müller wäre stolz auf uns.“

sagte Aletta leise.

Rico nickte und betrachtete den Hut.

„Und wenn nicht wegen des Weins – dann auf jeden Fall wegen des Huts.“