Es war ein stürmischer Herbstabend in Weimar. Der Wind rüttelte an den Fenstern des Hotel K1, während Aletta an der Rezeption saß und den letzten Tee einschenkte. In der Küche stellte Rico den letzten Kaffee des Tages fertig. Alles wirkte ruhig – doch etwas lag in der Luft.
„Hotel K1, Aletta am Apparat.“
Eine warme, fast vertraute Frauenstimme stellte sich als Violetta vor. Ihre Ankunft: kurz vor Mitternacht.
Nachdem Aletta aufgelegt hatte, blieb ein seltsames Gefühl zurück – ein Hauch von Vertrautheit, den sie sich nicht erklären konnte.
„Wer war das?“
fragte Rico, der aus der Küche kam.
„Eine Gästin namens Violetta… ihre Stimme kam mir so bekannt vor.“
Rico zuckte mit den Schultern, doch Aletta spürte, dass die Nacht etwas bereithielt.
Gegen Mitternacht öffnete sich die Tür. Der Wind wirbelte Regen hinein – und Aletta hob den Blick.
Im Eingang stand eine Frau, völlig durchnässt, aber makellos aufrecht. Und Aletta stockte der Atem. Die Frau sah aus wie sie. Nicht ähnlich – identisch. Als hätte jemand Aletta gespiegelt.
„Guten Abend. Ich bin Violetta.“
Aletta brachte kaum eine Antwort heraus.
„Willkommen im Hotel K1…“
Ihre Hände zitterten, als sie die Anmeldung vorbereitete. Schließlich fragte sie:
„Darf ich… Ihren Geburtstag wissen?“
„29. November 1970.“
Aletta schluckte. Ihr eigener Geburtstag. Dieselbe Stimme. Dasselbe Gesicht.
„Was für ein Zufall“,
sagte Violetta ruhig. „Ich komme aus Auckland – weit weg von hier.“
Später rannte Aletta zu Rico in die Küche.
„Rico, du glaubst nicht, was passiert ist!“
Sie erzählte alles. Rico wurde blass.
„Das… klingt wirklich unheimlich.“
Am nächsten Morgen saßen Aletta und Violetta beim Frühstück. Gäste blieben stehen, weil sie nicht glauben konnten, was sie sahen: zwei Alettas.
„Warum sind Sie nach Weimar gekommen?“
fragte Aletta leise.
„Etwas hat mich hergezogen“,
antwortete Violetta. „Ich spürte, dass hier etwas auf mich wartet.“
Aletta fröstelte. War es Zufall? Schicksal? Etwas Übernatürliches?
„Glauben Sie an Bestimmung?“
fragte sie schließlich.
„Ja“,
sagte Violetta. „Manche Wege kreuzen sich, weil sie es müssen.“
Die Tage vergingen und doch blieb das Rätsel ungelöst. Je mehr Gemeinsamkeiten sie entdeckten, desto größer wurde das Mysterium. Zwei Leben – gespiegelt durch Kontinente und Zeit.
Am Tag ihrer Abreise stand Violetta vor dem Hotel. Das Taxi wartete. Aletta spürte, wie schwer ihr Herz wurde.
„Wirst du zurückkommen?“
fragte sie leise.
„Vielleicht“,
sagte Violetta. „Aber du wirst mich nicht vergessen. Und ich dich auch nicht.“
Dann stieg sie ein und verschwand in den regnerischen Straßen. Aletta blieb auf der Treppe stehen und spürte, dass manche Begegnungen mehr als Zufall waren. Manche Geschichten verbanden Herzen – über Welten hinweg.
