Goethe im Hotel K1
Es war ein gewöhnlicher, ruhiger Morgen im Hotel K1 in Weimar. Aletta stand hinter der Rezeption, sortierte Buchungen und summte leise vor sich hin, während aus der Küche das vertraute Surren und Klappern des „Kaffeemaschinentangos“ erklang – Rico in seinem Element. Alles lief friedlich, bis plötzlich aus Zimmer 17 ein ohrenbetäubendes Scheppern kam.
„Rico! Hast du das gehört?“
rief Aletta in Richtung Küche.
„Was denn?“
Rico tauchte mit einem übergroßen Kaffeelöffel in der Hand auf.
„Hat Hektor wieder eine Maus reingebracht?“
Aletta schüttelte den Kopf.
„Nein, das klang eher nach Explosion. Ich schau mal nach.“
Rico folgte ihr die Treppe hinauf. Vor Zimmer 17 hielten sie inne. Aletta klopfte vorsichtig.
„Hallo? Alles in Ordnung?“
Keine Antwort – nur ein leises Rascheln. Dann ein tiefes, altmodisches Räuspern. Ein Blick zwischen Aletta und Rico – skeptisch, aber neugierig. Mit dem Generalschlüssel öffnete sie die Tür – und beide erstarrten.
Mitten im Raum stand ein Mann in altmodischem Frack und Stiefeln, das Haar wirr, der Blick verloren – und in der Hand hielt er… einen Föhn.
„Äh … kann ich Ihnen helfen?“
fragte Aletta, während Rico flüsterte:
„Das ist doch nicht etwa …?“
Der Mann drehte sich langsam zu ihnen um. Seine Stimme war tief und wohlklingend.
„Verzeiht – könnt Ihr mir erklären, was dieses teuflische Gerät ist? Es atmet Feuer und Wind!“
Aletta blinzelte.
„Ähm … das ist ein Föhn. Zum Trocknen der Haare.“
Der Mann legte das Gerät vorsichtig auf das Bett, musterte sie beide – und fragte ernst:
„In welchem Jahr befindet sich die Welt?“
Rico, inzwischen bleich, flüsterte:
„Ich … ich glaube, das ist Goethe.“
Aletta schnappte nach Luft.
„Goethe? Der Goethe?“
Der Mann nickte leicht.
„Ganz recht. Johann Wolfgang von Goethe. Und nun – 2024 sagt Ihr?“
Er setzte sich schwer auf die Bettkante.
„Wie bin ich in diese Zukunft geraten? Und – bei allen Musen – was tragt Ihr da?“
Rico sah auf seine Jogginghose hinab.
„Das … ist Freizeitmode.“
Goethe seufzte tief.
„Die Menschheit scheint ihre Eleganz verloren zu haben.“
Rico grinste.
„Aber wir haben jetzt Kaffee, WLAN – und Smartphones!“
Er zog triumphierend sein Handy hervor.
„Damit können Sie alles machen: schreiben, lesen, Musik hören – sogar Poesie posten!“
Goethe nahm das Gerät misstrauisch entgegen, drückte auf den Bildschirm – und zuckte zusammen, als laute Beats erklangen.
„Bei allen Göttern – ist das Musik?!“
Aletta lachte.
„Naja, manche nennen es so. Wir haben aber auch noch Beethoven.“
Goethe atmete erleichtert aus.
„Gut – ich hatte schon Angst, die Menschheit hätte den Verstand verloren.“
In diesem Moment tappte Hektor, der Kater, majestätisch ins Zimmer.
„Was für ein prächtiges Tier!“
Rico grinste.
„Das ist Hektor – unser Chef im Haus.“
Goethe beugte sich zu ihm hinab und streichelte ehrfürchtig das glänzende Fell.
„Ein würdiger Name für einen würdigen König.“
Aletta sah die Szene mit einem Schmunzeln.
„Wie wäre es, wenn wir Ihnen das heutige Weimar zeigen, Herr Goethe?“
Goethe zögerte kurz, nickte dann neugierig.
„Ja … aber bitte ohne diese ‚Beats‘.“
Und so spazierten sie hinaus in die Stadt – Goethe, der Dichter der Klassik, staunend zwischen E-Scootern, Coffee-to-go-Bechern und Touristen mit Selfie-Sticks. Er blieb immer wieder stehen, lauschte, betrachtete die Häuser, die Autos, die Menschen – und lächelte schließlich.
„Meine Worte leben also weiter.“
Aletta nickte stolz.
„Und Ihre Seele auch. Weimar wäre ohne Sie nicht Weimar.“
Als sie zurück zum Hotel kamen, drehte sich Goethe zur Tür, sah auf das goldene Schild Hotel K1 Nohra – und lächelte.
„Vielleicht … sollte ich noch ein paar Nächte bleiben.“
Rico zwinkerte.
„Frühstück ist inklusive.“
Ende
