Es war eine dieser lauen Sommernächte in Weimar, die eigentlich nach Feierabendbier und Sternenhimmel riefen – aber im Hotel K1 rief sie nach Chaos. Aletta und Rico saßen erschöpft in der Lobby, die letzten Gäste waren gerade gegangen. Die Kaffeemaschine schnaufte ein letztes Mal, als wolle sie auch endlich Feierabend machen.

Und dann – klick. Dunkelheit.

„Schon wieder ein Stromausfall?“

Aletta richtete den Lichtkegel ihres Handys auf die Rezeption.

„Das ist jetzt das dritte Mal diese Woche. Vielleicht sollten wir wirklich den Elektriker rufen.“

Rico stand am Fenster, starrte hinaus auf die Straßen von Weimar – und sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Aletta… das ist nicht nur bei uns. Schau mal raus.“

Die ganze Stadt lag in Dunkelheit. Keine Straßenlaterne, kein Autoscheinwerfer, nicht mal der Mond schien zu helfen. Eine seltsame, vibrierende Stille lag über Weimar – bis sie es hörten. Ein leises, unheimliches Flüstern.

„Hörst du das?“

Das Geräusch kam näher, ein vielstimmiges Wispern, das sich durch die Gassen schob wie Nebel. Aletta trat ans Fenster – und ihr blieb der Atem weg. Dutzende Gestalten bewegten sich durch die Straße. Langsam. Stolpernd. In zerrissenen Kleidern und mit blassen, wächsernen Gesichtern.

„Rico… das sind…“

Sie brachte das Wort kaum heraus.

„Zombies?“

Rico lachte nervös, ein Lachen ohne jede Überzeugung.

„Zombies gibt’s nicht. Das ist Filmkram.“

Doch als eine der Gestalten direkt vor dem Fenster stehen blieb und ihren Kopf drehte, gefror ihm das Grinsen. Das Gesicht war bleich, die Augen leer – und die Lippen bewegten sich.

„Warum… habe ich meine Brille nicht gefunden?“

Aletta und Rico starrten sich an.

„Brille?“ flüsterte Aletta. „Hat der Zombie gerade von seiner Brille gesprochen?“

Draußen murmelte eine Frau mit zerrissenem Kleid:

„Ich wollte nur den Bus nehmen… wo ist der Bus?“

Weitere schlurfende Gestalten kamen aus der Dunkelheit, flüsternd über vergessene Termine, verlorene Schlüssel und nicht unterschriebene Verträge.

„Rico… sie reden!“,

hauchte Aletta.

„Und über ganz normale Dinge…“

Ein dumpfes Poltern ließ sie herumfahren. Etwas schlug gegen die Hoteltür. Rico griff nach einem Besen – seine Standardwaffe gegen alles Übernatürliche.

Eine alte Frau mit grauem, verfilztem Haar stand draußen und hämmerte an die Scheibe. Ihre Lippen bewegten sich.

„Warum… ist mein Schlüssel… nicht da?“

Aletta stolperte einen Schritt zurück.

„Dein Schlüssel?!“,

wiederholte sie entsetzt.

„Was zur Hölle geht hier vor?“

Rico flüsterte:

„Vielleicht… vielleicht sind sie irgendwie in ihren letzten Gedanken gefangen. Wie Echos aus ihrem alten Leben.“

Aletta blinzelte.

„Das ist zu logisch, um wahr zu sein. Aber… was, wenn sie nur ins Hotel wollen?“

Da klopfte es erneut. Diesmal sanfter. Die alte Frau hob den Kopf.

„Ich… habe reserviert. Zimmer… 23s.“

Rico und Aletta sahen sich an. Ihr Puls raste.

„Du willst doch nicht ernsthaft—“, begann Aletta.

„Vielleicht… lassen sie uns in Ruhe, wenn wir so tun, als wäre alles normal,“ flüsterte Rico.

Aletta starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

„Das ist der verrückteste Plan, den du je hattest.“

Rico grinste schief.

„Und vielleicht der einzige, der funktioniert.“

Zitternd öffneten sie die Hoteltür. Die Frau trat ein, langsam, fast ehrfürchtig. Ihre Schritte hallten auf dem Marmorboden wider. Rico reichte ihr – mit der Ruhe eines Mannes, der alles verloren hatte – einen Zimmerschlüssel.

„Zimmer 23s… bitte sehr.“

Die Frau nickte dankbar – oder zumindest so, wie ein Zombie nicken kann – und schlurfte Richtung Treppe. Hinter ihr folgten weitere, jeder mit seiner eigenen Bitte: ein Mann, der seinen Vertrag unterschreiben wollte, eine Frau, die ihren Bus suchte, und ein Junge, der murmelte, er habe noch Schulferien.

Und so, mitten in der Nacht, verwandelte sich das Hotel K1 Nohra in das vermutlich seltsamste Etablissement Deutschlands – wo selbst die Untoten höflich eincheckten, ihre Schlüssel entgegennahmen und in aller Ruhe auf ihre Zimmer schlurften.

Aletta schloss langsam das Buch auf dem Tresen.

„Rico?“

Er sah sie an.

„Ja?“

„Morgen früh bestellst du den Elektriker. Und Weihwasser.“

Rico nickte langsam.

„Und vielleicht ein paar extra Zimmerkarten… man weiß ja nie, wer noch einchecken will.“

Ende