Es war ein friedlicher Morgen im Hotel K1 in Weimar. Die Sonne schien warm durch die Fenster, und Aletta summte leise vor sich hin, während sie die Frühstückstische deckte. Gerade als sie überlegte, ob sie den Gästen heute mal frischgebackene Croissants anbieten sollte, hörte sie es – das vertraute Kratzen an der Tür. Sie seufzte.
„Rico! Dein Kater ist wieder da!“ rief Aletta, ohne den Blick von der Kaffeekanne zu heben.
„Unser Kater,“ korrigierte Rico aus der Küche, wo er gerade versuchte, ein Omelett in Form zu bringen. „Er gehört uns beiden.“
Aletta zog eine Augenbraue hoch.
„Nun, wenn du siehst, was er heute wieder anschleppt, gehört er ab sofort nur noch dir.“
Mit einem resignierten Seufzen öffnete sie die Hoteltür – und wie erwartet stolzierte Hektor herein. Das schwarze Fell glänzte in der Morgensonne, und in seinem Maul baumelte, wie jeden Tag, eine tote Maus.
„Hektor!“ rief Aletta und starrte auf das pelzige Geschenk, das er voller Stolz vor ihre Füße fallen ließ. „Das ist jetzt die dritte diese Woche! Meinst du nicht, es reicht langsam?“
Hektor blickte sie an, als würde er wirklich nicht verstehen, warum seine tägliche Gabe nicht die erhoffte Begeisterung auslöste. Er schnurrte zufrieden und setzte sich, den Schwanz ordentlich um die Pfoten gewickelt – ganz der pflichtbewusste Mäusejäger.
Rico kam nun aus der Küche, in der einen Hand eine Pfanne, in der anderen einen Spatel.
„Was gibt’s?“
Aletta deutete dramatisch auf den Boden.
„Das gibt’s! Dein – unser – Kater hat uns wieder mal ein Frühstücksgeschenk gebracht. Und nein, bevor du fragst: Ich setze das nicht auf den Speiseplan.“
Rico betrachtete die Szene und grinste.
„Ach komm schon, Aletta. Er meint es doch gut. Er will uns nur zeigen, dass er uns versorgen kann. Das ist seine Art, ‚Danke‘ zu sagen.“
Aletta schnaufte. „Dann soll er sich mit Katzenleckerlis bedanken und nicht mit einem Pelzmenü.“
Sie hob die Maus mit einem Stück Zeitungspapier auf und murmelte:
„Wenn das so weitergeht, können wir bald eine Mäusefarm eröffnen.“
Rico schnupperte gespielt und lächelte breit.
„Vielleicht hält er uns für unfähig zu jagen. Oder er denkt, wir verhungern ohne ihn.“
Aletta verdrehte die Augen.
„Wenn er wüsste, dass wir einen ganzen Vorrat an Nutella im Schrank haben, würde er sich die Mühe sparen.“
Während Aletta die Maus nach draußen beförderte, setzte sich Hektor auf seinen Lieblingsplatz an der Fensterbank und sah zufrieden hinaus – als hätte er gerade die größte Heldentat vollbracht.
Rico lehnte sich an den Türrahmen und kicherte.
„Ich glaube, Hektor plant schon seinen nächsten Fang.“
Aletta kam zurück und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.
„Großartig. Dann kann er den nächsten Gast damit beeindrucken.“
Rico blitzte verschmitzt auf.
„Wie wäre es, wenn wir ihm eine Art ‚Katzentrophäenschrank‘ bauen? Da kann er seine Geschenke ausstellen – dann müssen wir sie nicht jedes Mal entsorgen!“
Aletta starrte ihn ungläubig an.
„Du willst wirklich einen Trophäenschrank für tote Mäuse? Das wäre der Albtraum für unsere Hotelbewertungen!“
Rico wedelte mit dem Spatel.
„Oder wir machen eine Kunstinstallation draus! Etwas Modernes für Weimar!“
Aletta grinste trocken.
„Ja, sehr modern. Aber ich bezweifle, dass Goethe das gutgeheißen hätte.“
Rico zuckte mit den Schultern und lächelte.
„Gut, kein Trophäenschrank. Aber Hektor ist und bleibt unser Held. Vielleicht machen wir ein Foto von ihm mit seiner Beute und hängen es in die Lobby.“
Aletta lachte.
„Wie ein Ehrenporträt: ‚Hektor, der Mäusekönig von Weimar‘.“
In diesem Moment miaute Hektor laut – als hätte er verstanden, dass über ihn gesprochen wurde. Aletta lächelte und streichelte ihm über den Kopf.
„Vielleicht ist es doch ganz süß, dass er uns so zeigen will, dass er dazugehört. Nur ohne die Mäuse wäre es noch süßer.“
Rico legte einen Arm um sie und grinste.
„Wir könnten ihm beibringen, Blumen mitzubringen statt Mäuse.“
„Oder Schokolade,“ ergänzte Aletta mit einem Augenzwinkern.
Hektor ignorierte die Diskussion, rollte sich auf der Fensterbank zusammen und blinzelte träge in die Nachmittagssonne. Für ihn war der Tag erfolgreich – er hatte seine Aufgabe erfüllt und würde morgen wieder losziehen. Schließlich konnten seine Menschen ohne ihn nicht überleben – zumindest in seiner Katzenwelt.
Und so blieb Hektor weiterhin der heimliche Mäusekönig von Weimar, während Aletta und Rico ihren Alltag zwischen Hotelgästen und haarigen Geschenken meisterten – immer mit einem Lächeln und einer Prise Humor.
Ende
