Es war ein gewöhnlicher Donnerstagmorgen im Hotel K1 in Weimar. Die Gäste hatten gerade das Frühstück genossen, und Aletta räumte das Buffet ab, als Rico plötzlich mit einem Haufen neuer, schreiend bunter Yogamatten in die Lobby stolperte.

 

Der Ausdruck in seinem Gesicht schwankte irgendwo zwischen Stolz und Unsicherheit. Aletta stellte die Kaffeekanne ab und musterte ihn misstrauisch.

 
„Was zum Teufel… willst du das Hotel jetzt in ein Yoga-Studio verwandeln?“
 

Rico stellte die Matten ab, atmete tief durch – ganz so, wie er es in seinem neuen Yoga-YouTube-Video gelernt hatte.

 
„Ich fange mit Yoga an! Das soll total gut sein – für den Rücken, den Geist und eigentlich für alles!“
 

Aletta verschränkte die Arme und sah ihn skeptisch an.

 
„Yoga, hm? Hast du die Sache mit dem Pilates-Ball schon vergessen?“
 

Rico verzog das Gesicht.

 
„Das war ein Unfall! Außerdem war der Ball viel zu groß für den Raum. Dieses Mal ziehe ich es durch. Du wirst schon sehen!“
 

Aletta unterdrückte ein Lächeln. Sie erinnerte sich nur zu gut an all die anderen Hobbys, die Rico im Laufe der Jahre ausprobiert hatte: Das Gärtnern, die kurze Phase mit den Aquarienfischen und das Mountainbiking – ein Drama für sich.

 
„Na gut,“ sagte Aletta schließlich und hob herausfordernd eine Augenbraue. „Dann zeig mal, was du draufhast, Jogi Rico.“
 

Rico straffte sich, als hätte sie seine Ehre infrage gestellt, und griff sich eine der Matten.

 
„Warte ab – du wirst dich wundern, wie flexibel ich bin!“
 

Sie schob die Tische im Frühstücksraum zur Seite, während Rico sich im meditativen Schneidersitz auf die Matte setzte und tief durch die Nase einatmete.

 
„Okay… ich mache jetzt den herabschauenden Hund.“
 
„Oh, das will ich sehen,“ sagte Aletta und lehnte sich an die Theke.
 

Rico begann sich langsam nach vorne zu beugen, streckte die Arme aus – und formte etwas, das eher einem strauchelnden Storch ähnelte als einem Hund.

 

Aletta biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen, doch dann gab Rico ein Geräusch von sich – eine Mischung aus Grunzen und Keuchen.

 
„Alles in Ordnung da unten, Hund?“ fragte Aletta grinsend.
 
„Alles bestens!“ stöhnte Rico. „Das ist nur die Anspannung – ich spüre, wie die Energie fließt!“
 
„Ja, ja, ich spüre die Energie auch,“ meinte Aletta trocken. „Vor allem in deinem Gesicht – es läuft rot an.“
 

Rico kämpfte sich aus seiner Hundepose zurück auf die Knie, atmete tief durch und nickte zufrieden.

 
„Das war erst der Anfang. Jetzt mache ich den Baum.“
 
„Oh, der Baum. Klassiker,“ murmelte Aletta und beobachtete, wie Rico sich auf ein Bein stellte, die Hände vor der Brust gefaltet.
 

Etwa fünf Sekunden lang hielt er durch. Dann begann sein Bein zu zittern wie ein Ast im Wind – und ehe Aletta blinzeln konnte, kippte Rico seitlich um.

 

Aletta hielt es nicht mehr aus. Sie brach in schallendes Gelächter aus.

 
„Du bist der beste Baum, den ich je gesehen habe!“ japste sie und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
 

Rico saß auf der Matte und warf ihr einen beleidigten Blick zu.

 
„Na klar, mach dich nur lustig! Du hast ja keine Ahnung, wie schwer das ist. Yoga ist harte Arbeit!“
 
„Oh, ich sehe es,“ lachte Aletta weiter. „So hart, dass du gleich ein Nickerchen auf deiner Matte machen kannst!“
 

Rico stand wieder auf, klopfte sich den Staub von der Hose und hob die Nase.

 
„Lachen kannst du, aber weißt du was? Ich werde das durchziehen. Ich werde der beste Yoga-Lehrer in ganz Weimar. Du wirst schon sehen!“
 
„Na, dann hoffe ich, dass deine Schüler Helme tragen,“ kicherte Aletta. „Man weiß ja nie, wann du wieder umfällst.“
 

Rico grinste schließlich doch und schüttelte den Kopf.

 
„Lach nur! In ein paar Wochen kannst du dich auf eine Privatstunde einstellen. Dann machen wir den Partnerbaum!“
 
„Partnerbaum? Du und ich? Vergiss es! Ich will ja nicht mit dir umfallen,“ meinte Aletta, doch ihr Lächeln verriet, dass sie Rico’s Eifer bewunderte.
 
„Du wirst schon sehen,“ sagte Rico entschlossen und rollte seine Matte zusammen. „Bald bin ich der Yogi von Weimar, und alle werden über mich sprechen!“
 
„Das tun sie jetzt schon,“ murmelte Aletta augenzwinkernd. „Aber ich freu mich drauf, mein Baum.“
 

Und so verließ Rico den Raum mit der Eleganz eines angehenden Yogis – oder zumindest mit dem ehrlichen Versuch, sie zu haben. Aletta lächelte und dachte bei sich, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, wenn Rico dieses Hobby wirklich durchziehen würde. Ein bisschen Entspannung konnte im hektischen Hotelbetrieb schließlich nie schaden – so lange er nicht wieder umfiel.

 

Ende