Das Nutella-Mysterium von Weimar
Es begann – wie so vieles in Hotels – mit einem ganz harmlosen Frühstück.
Die Sonne stand über Nohra, die Kaffeemaschine brummte ihr Morgenlied, und irgendwo klapperte jemand so energisch mit dem Toaster, als würde er einen Weltrekord im Bräunen anstreben.
Ich war gerade dabei, den Orangensaftspender zu bändigen, als mich ein aufgereufter Ruf aus dem Frühstücksraum traf:
„Herr Herrmann! Kommen Sie mal! Hier stimmt was nicht mit dem Nutella!“
Nun – drei Worte, die ich nie vor meinem zweiten Kaffee hören möchte.
Ich drehte mich um, sah Frau Ludwig aus Zimmer 8 mit erhobenem Löffel. Auf ihrem Gesicht lag eine Mischung aus Empörung und Tragödie, wie sie sonst nur bei Theaterpremieren vorkommt.
„Was ist passiert?“ fragte ich vorsichtig.
„Das Nutella… es schmeckt… nach Minze!“
Ich blinzelte. „Nach was?“
„Nach Minze!“ rief sie. „Ich wollte mir gerade mein Brötchen schmieren – und dann: Pfefferminz! Das ist ja fast gesund!“
Ich schwöre, in diesem Moment hielt der gesamte Frühstücksraum den Atem an.
Ein älterer Herr ließ seinen Toast sinken. Ein Kind fragte entsetzt: „Mama, darf ich das probieren?“
Und ich – ich griff instinktiv zum Glas.
Ein prüfender Blick: Etikett wie immer.
Ein prüfender Geruch: Hm. Frisch.
Ein prüfender Geschmack: … tatsächlich. Schokoladig mit einer Note Zahnpasta.
Ich wusste, das konnte nur eins bedeuten:
Im Hotel K1 Nohra war ein neues Rätsel geboren.
Zuerst verdächtigte ich die Küche.
Vielleicht hatte jemand beim Aufräumen versehentlich die Reste der Nachtcreme aus dem Gästebad mit ins Lager gestellt – passiert in den besten Häusern.
Aber nein: alles sauber, alles korrekt beschriftet.
Dann fiel mir unser Mitarbeiter Sylvester ein.
Ein netter Kerl, aber mit einem gefährlichen Hang zum Experimentieren.
Er hatte neulich versucht, Rührei „moderner“ zu machen – mit Kaffeearoma.
Das Ergebnis: unvergessen.
Ich fand ihn in der Spülküche, wo er pfeifend Tassen sortierte.
„Sylvester,“ sagte ich, „bitte sag mir, du hast nicht versucht, Nutella zu verbessern.“
Er grinste. „Na ja… ich hab da was ausprobiert. Mein Bruder macht TikToks mit neuen Geschmackskombinationen. Ich wollte, dass wir viral gehen. Also: Nutella + After Eight.“
Ich atmete tief durch.
„Sylvester. Viral gehen wir höchstens, wenn sich jemand daran den Magen verdirbt.“
Er sah reumütig zu Boden. „Ich dachte, das wäre innovativ.“
„Innovativ ja. Essbar nein.“
Ich brachte das Glas in Sicherheit, beschriftete es mit „Beweismittel A“ und ersetzte es durch ein neues – klassisch, ohne Zusatz.
Frau Ludwig bekam ein frisches Brötchen und ein ehrliches Lächeln, und die Welt drehte sich weiter.
Später, als der Frühstückstrubel sich legte, saß ich mit einer Tasse Kaffee am Fenster und schrieb ins Notizbuch:
Fall #37: Das Minz-Nutella von Weimar – Verursacht durch kreative Küche, gelöst durch Koffein und Geduld.
Ich grinste.
Manche Hotels haben Sterne. Wir haben Geschichten.
Und manchmal – wenn ich spät nachts durch die Lobby gehe – glaube ich, dass irgendwo aus der Küche ein leises „Frisch, aber anders“ klingt.
